Der Köhler vom Michelsberg und sein Goldschatz
Im tiefen Wald, weit weg von jedem Eifelweiler,
Da wohnte ein Köhler bei seinem Meiler.
Einst ging er weit in den Wald hinein,
Da klammert' ein Wichtchen sich an sein Bein,
Es war ein zipfelbemützter Zwerg,
Dickstruppig mit einem Bart wie Werg.
Er spach:“Wenn der Meiler hat
ausgefacht,
Geh' flugs in der nächsten Vollmondnacht
Und grabe unter des Meilers Stell'
Und grab' solang' wie der Vollmond hell.
Du wirst unter alten Wurzeln der Linden
Dann einen großen Schatz dort finden.”
Des Köhlers Meiler war ausgebrannt,
Er schichtet die Wasen all an den Rand,
Hat Hacke und Spaten zurechtgemacht -
Aufstieg der Vollmond in heller Pracht,
Mit eil'ger Hand fing der Köhler dann
Unter dem Meiler zu graben an.
Er grub und grub gar viele Stund',
Vom Graben ward ihm schon der Rücken wund,
Der Vollmond gab schon fahleres Licht.
“ Er hat mich genarrt, der kleine Wicht!”
Doch plötzlich stieß seines Spatens Schneid'
Auf ein Steingehäuse, lang und breit.
Ein altes Grab? - Viel Knochengebein!
Der Mond schaut fahl in die Gruft hinein,
Und zwischen den Knochen lag Gold, Diamant,
Erzitternd faßte es seine Hand,
Der Schweiß erfüllte schwer sein Gesicht,
Verschwunden war schon des Mondes Licht!
* * *
Er lag viel lange Nächte wach
In seiner Hütte, krank und .schwach,
Doch als sich wieder gestrafft sein Sinn,
Schritt schnell er nach Neumünster hin
Und breitet in des Goldschmieds Haus
Auf dein Tisch all seine Schätze aus.
Er fragte den Goldschmied, unbeschwert,
“ Saget mir, Meister; was ist das wohl wert?”
Der Goldschmied traut' seinen Augen nicht:
Das Gold, des Diamanten Licht!
“Zehntausend Gulden und no10.06.2005l;hr!”
Der Goldschmied tat die Haare sich raufen:
“Da könnt Ihr halb Neumünster für kaufen!”
Der Köhler sprach: “Was schwatzt Ihr für Sachen,
Was soll mit halb Neumünster ich machen?
Behaltet auf 's erste den Schatz mal hier
Und nehmt Euch Euren Zins dafür.
Mir sind auf einmal so schwer die Glieder,
In einer Woche da komm ich wieder!”
* * *
Des Nachts tat er seinem Herrgott schwören:
“Kein Heller davon soll je mir gehören!”
* * *
Sein Plan standfest. - Er wollte errichten
Dort oben im Wald bei den altert Fichten,
an der gleichen Stell', wo er traf den Zwerg,
Eine Kirche hoch auf dem Michelsberg!
So ist's auch geschehen! Er baut' eine
Klause
Für sich, ganz nahe am Gotteshause.
Er läutet die Glocke, er zündet die Kerzen,
Dient denen, die pilgern, mit leidvollem Herzen
Er spendet aus frischem Quell ihnen Trank,
Er nimmt keine Münze, er will keinen Dank.
Auf dem Michelsberg, wie die Chronik sagt,
Ist er selig gestorben und hochbetagt.
Er starb - so ist es weiter zu lesen -
Noch ärmer, wie je er als Köhler gewesen.
Dr. V. Baur: Der Köhler vom Michelsberg. In: Eifel-Balladen, Düren 1965, Seite 64/65
Zurück zu Geschichten und Sagen von Mahlberg, Michelsberg und “Decke Tönnes”...