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Michelsberg und St. Michael-Gymnasium

Artikel aus der Chronik “Michelsberg und St. Michael-Gymnasium” aus dem Jahr 2000. Wir danken Herrn Heinz Küpper und dem St. Michael Gymnasium für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung auf Mahlberg.info.

Im Jahre 1928 erschien im “Verlag des Pfarramtes Schönau” eine 96 Seiten umfassende Broschüre: “Der St. Michaels-Berg in der Eifel. Seine Gesamtgeschichte in sechs Bildern”. Der Verfasser ist Herr Sanitätsrat Dr. Rud. Creutz, selbstverständlich ein ehemaliger Schüler des St. Michael-Gymnasiums, Abiturjahrgang 1884. Es handelt sich um eine Liebhaberarbeit in jedem Sinne dieses Wortes. Der Mediziner im Ruhestand tut sich in allen Staats- und Kirchenarchiven um, übersetzt und analysiert die Akten, entziffert Handschriften, zieht alle in Frage kommende Literatur zu Rate, geht den entlegensten Hinweisen nach, korrespondiert mit den Fachgelehrten – und wird reich belohnt. Er macht einige Funde, die ihn in den Stand setzen, die erste wissenschaftlich-methodische Geschichte des Gegenstandes zu verfassen. Alle späteren Autoren schreiben von ihm ab, auch ich. Nur kann man fragen. – Warum? Warum noch einmal im QUADRUM? Ich fände es nicht gut, wenn ein Herzstück unserer Schulgeschichte in Vergessenheit geriete. Von Zeit zu Zeit sollte es einer neuen Schülergeneration und auch einer neuen Lehrergeneration erzählt werden. Vielleicht interessiert es den einen oder anderen doch noch, wie seine Schule an ihren Namen gekommen ist. Um des Weitererzählens willen sei aber zunächst eine Geschichte überliefert, die nicht bei Dr. Creutz steht.

Unweit vom Michelsberg liegt bei Weiler am Berge der Herkelstein, gleich nebenan die Kakushöhle, und Herr Direktor Guddorf pflegt zu sagen, er glaube fest daran, daß es genau hier gewesen sei, wo Hercules den Riesen Kakus erschlagen habe. Wäre somit – in schönem humanistischen Eifer – die Anbindung der eigenen geographischen Heimat an die geistige, den mittelmeerischen Raum geleistet, so ist es im mythischen Denken auch nicht mehr weit von Hercules zu St. Michael, der zwar kein Halbgott, aber immerhin ein Erzengel, ein Himmelsfürst ist und in Lucifer ebenfalls einen Feind Gottes und der Menschen besiegt. Es ist also ganz schön was los südöstlich von Münstereifel, wo der Michelsberg liegt, unser Namensspender, ein Vulkanembryo aus dem Tertiär, d. h. ein Vulkan, der nicht die Kraft hatte, die Erdrinde zu durchstoßen, Basalt, heute 588 m hoch.

Zunächst eine Jahreszahl, die uns eigentlich ratlos machen müßte. 1611 – dies ist, soweit ich sehe, das Jahr, in dem der Name Michelsberg zum erstenmal schriftlich überliefert ist. Ein Hinweis auf eine St. Michaelsbruderschaft findet sich aber schon in einer Handschrift aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Was war vorher?

Menschen sind in unserer Gegend, in der Kakushöhle, seit 60.000 Jahren nachgewiesen und seit 25.000 Jahren Menschen unserer Art, der homo sapiens. Sind die auch schon zum Michelsberg gepilgert? Gründe hätten sie genug dafür gehabt, dürftig und tapfer lebend am Rande der vorerst letzten Eiszeit. Und sollte sich ihre/unsere Art dort bis um das Jahr 10.000 gehalten haben, als es wärmer wurde und die heutige Vegetation das Land bedeckte, so hätte der homo sapiens vom Michelsberg aus ein grandioses Schauspiel erblicken können, hinter dem Horizont die Tätigkeit der letzten Vulkane in der Südeifel, aus denen später die Maare entstanden. Unsere Gegend freilich war um diese Zeit schon lange stabil und dürfte auch schon ungefähr die gleiche Gestalt gezeigt haben wie heute.

Es kamen die Kelten in der Jungsteinzeit (etwa ab 2.000 v. Chr.), besiedelten das Land zum erstenmal, hinterließen uns Ringwälle und Matronenheiligtümer, freilich nichts davon am Michelsberg.

Es kamen über den Rhein die Germanen (seit ca. 100 v. Chr.), übelagerten die Kelten und sogen sie auf, es kam Cäsar, warf die neu eingedrungenen Usipeter und Tenkterer über den Rhein zurück und machte den zur Grenze des Reiches (58 – 5o v. Chr.). In diesem Imperium Romanum, in der Provinz Niedergermanien, gelangen wir endlich zum Michelsberg und dafür aber gleich auf festestem Boden, auf einer Römerstraße. Die Strecke Köln-Trier gabelte sich in Marmagen, eine Route führte über Billig nach Köln, ein Abzweig nach Zülpich, ein dritter Arm aber verlief über Blankenheimerdorf, Tondorf, den Michelsberg nach Bonn. Wer sich auf der B 51 – kurz vor Tondorf befindet, kann sich heute noch vom Blickkontakt zwischen diesem Ort und dem Michelsberg überzeugen. Römischer Bauschutt, gefunden 300 Schritt südlich vom Michelsberg, und einige römische Tuff- und Mörtelstücke, gefunden im Erdreich auf der Kuppe, bestärken die Vermutung, daß sich hier, auf der höchsten Erhebung der Gegend, ein Beobachtungsturm, eine specula, befunden habe (vgl. Speckelstein im Flamersheimer Wald). Römische Bauten, auch Ziegeleien, befinden sich in hinreichender Anzahl in der näheren Umgebung. Wer noch immer nicht von der Specula-Theorie überzeugt ist, der besteige an einem klaren Tag den Turm der heutigen Michaelskapelle: er sieht tief in die Rheinebene bis zum Kölner Dom, wenn der Chemiering den einmal freigibt, er sieht auf das Siebengebirge und auf der anderen Seite bis zu Aremberg, Nürburg und Hoher Acht, ein Panorama von nicht nur militärischem Reiz.

Die eben erwähnte Michaelskapelle ist, wenn wir die Handschrift aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gelten lassen, dann die drittälteste Quelle zur Geschichte des Michelsberges. Sie stammt in ihren ältesten Bauteilen etwa aus dem Jahre 1500. Wir erinnern uns: in schriftlicher Überlieferung taucht der Name zum erstenmal im Jahre 1611 auf, in einem Bericht des Münstereifeler Stadtschreibers Mathias Hörstgen, der in einer noch eingehend zu behandelnden Schrift aus dem Jahre 1732 zitiert wird. Der Michelsberg scheint also ein wenig beredeter Zeuge der Geschichte zu sein. Setzen wir das Ende der römischen Zeit mit dem Jahre 500, so bleibt uns ein Zeitraum von rund 1000 Jahren, über den wir gerne Auskunft hätten. Keine Sorge, es gibt sie. Die Geschichtsforschung und ihre Hilfswissenschaften sind so unbeholfen nicht, daß sie sich nicht anderweitig Rat zu schaffen wüßten, ohne in windige Spekulationen zu verfallen und daß sie nicht sogar aus der schriftlichen Nichtvorhandenheit des Namens bis tief in die Neuzeit hinein noch ihren Nutzen zu ziehen verstanden hätten. Und schließlich haben wir noch Dr. Creutz mit seinem Fleiß und seinem Glück.

Um das Jahr 500 setzt die systematische Christianisierung der fränkischen Eroberer ein. Das Christentum hat sich in den Städten halten können, bekehrt jetzt die Fürsten und Adelshäuser und beginnt mit ihrer Hilfe die Missionierung der Eifel durch Klostergründungen (im Westen Stablo-Malmedy 650, im Südwesten Echternach 698 , im Zentrum Prüm 720, von Prüm aus in Münstereifel 830 – 836, um 930 Steinfeld). Um 800 dürfte aber der Prozeß der Christianisierung abgeschlossen sein.

Im Jahr 893 legt Abt Regino von Prüm ein Register aller Prümer Besitzungen an, das im Original verloren ist, von dem aber 1222 Abt Caesarius von Prüm eine sorgfältig kommentierte Abschrift anfertigte, die den Wert der Quelle verdoppelt wegen der Nachrichten aus zwei Zeitaltern. Wir finden in ihnen eine Vielzahl von Ortsnamen, die wir bis heute kennen, vor allem aber den der Pfarrei Schönau mit Mahlberg. In dieser Pfarrei liegt der Michelsberg. Es ist anzunehmen, daß die im Registerbuch aufgeführten Ortschaften alle schon vor der Gründung des novum monasterium, später Münstereifel genannt, existiert haben, seien sie nun vorrömischen, römischen oder fränkischen Ursprungs. Uns interessiert der Name Mahlberg, mit dem wir ja nun wieder am Fuß des Michelsberges angelangt sind.

Dr. Creutz vertritt die These, daß der Berg ursprünglich so gebeißen habe und der Name in christlicher Zeit, also zwischen 400 und 800 auf die Ortschaft übertragen worden sei. Auf dem Berg habe sich ein “Mal” befunden, ein auffallendes Zeichen, etwa die Ruine des römischen Turmes oder gar ein aufgerichteter Felsblock. Dieses ist unwahrscheinlich, jenes mag so gewesen sein. Mahlberg, so schreiben Dr. Creutz und seine Nachfolger weiter, bedeute “Gerichts- oder Opferstätte”, wo sich also in heidnischer Zeit die germanischen Franken versammelt hätten und “die Opferfeuer lodern konnten”. Damit sei es dann um 800 mit der Christianisierung zu Ende gewesen. Dr. Creutz verweist auf den Godesberg bei Bonn, der sich auch in einen Michaelsberg verwandelt habe. “So war auch unser Eifeler Michaelsberg, wie noch zahlreiche andere Michaelsberge in Deutschland, einstmals ein Odins- Wodans- oder Donarsberg, bis St. Michael, der Fürst des himmlischen Lichtes, die finsteren Heidengötter überall entthronte”. Es folgt noch der Hinweis auf das nahegelegene, durch einen direkten Weg mit dem Berg verbundene Odendorf = Odin-thorp.

Dann muß man sich aber fragen, warum der Name Michelsberg schriftlich erst so spät auftaucht, frühestens ein halbes Jahrtausend nach der Christianisierung. Im Kommentar des Caesarius aus dem Jahre 1222 ist jedes Ei verzeichnet, das Schönau zu liefern hat, aber kein Michelsberg. Den gibt es amtlich noch nicht. Dr. Creutz selbst führt eine Urkunde an, die das noch über 300 Jahre später ebenfalls zeigt. Im Jahre 1548 (!), also schon mitten im Zeitalter der Reformation, in der beginnenden Neuzeit, teilen sich die gräflichen Linien Manderscheid-Gerolstein und Manderscheid-Blankenheim in den Besitz. Der Gerolsteiner Graf behält den Süden, also das Gebiet etwa um Daun und Bitburg, der Blankenheimer den Norden, etwa im Raum Schleiden-Rheinbach gelegen. Der Gerolsteiner aber bedingt sich nach langem Streit die mitten im nördlichen Teil gelegene Enklave Schönau-Mahlberg-Rodert aus. Da liegt der Michelsberg. Dr. Creutz hält sich wissenschaftlich tapfer zurück und sagt, daß es um den wohl gegangen sei, daß er aber für seine Vermutung keinen “urkundlichen Anhaltspunkt” finde, d. h. der Name fällt nicht. Warum, zum Teufel, fällt er nicht? Ohne daß ich es in der kurzen Zeit im einzelnen überprüfen konnte, bin ich sicher, daß, auch die “zahlreichen anderen Michaelsberge in Deutschland”, wenn auch nicht ganz so spät wie der unsere, so doch Jahrhunderte nach der Christianisierung zu ihrem Namen gekommen sind. Gesicherte Kunde von der Verehrung des Heiligen Michael auf dem Michelsberg besitzen wir dank Dr. Creutz seit etwa dem Jahre 1300. Was ist in den 500 Jahren seit dem Ende der Christianisierung, in diesem ungeheuren Zeitraum geschehen?

Der Ortsname Mahlberg bedarf einer näheren etymologischen Untersuchung. Etymologie ist die Wissenschaft von der Geschichte der Wörter, ihrer Herkunft, ihrem Laut- und Bedeutungswandel, ihren Sinnverwandtschaften in der Sprachenfamilie. Das Wort “mal, mahl, maal” bedeutet in seinem indoeuropäischen Ursprung neben vielem anderen auch “sprechen”. Es ist da sinnverwandt mit “malen” = Zeichen setzen, sich akzentuieren, zum Ausdruck bringen.

Im Norwegisch-Schwedischen heißt “mal, maal” heute noch “Sprache”. Ein Malberg ist demnach ein Ort, wo gesprochen, wohl auch Recht gesprochen wird. Insofern kann die zitierte Bezeichnung “Gerichtsstätte” zutreffen. Rechtsprechung übten die Germanen im größeren Rahmen der Volksversammlung, und so liegt es nahe, den Mahlberg in Beziehung zu setzen zu “Parlament”, welches Wort ja auch von Sprechen (“parlare”, “parler”) kommt. Der Mahlberg ist der Ort, an dem die germanischen Freien der Gegend zusammenkamen, um ihre öffentlichen Angelegenheiten zu besprechen. Es muß sich um eine Thingstätte gehandelt haben, die, als politische Institution, die Christianisierung durchaus noch einige Zeit überdauert hat, siehe die heutigen Volksversammlungen in den schweizer Urkantonen. Was ihr in unserem Raum ein Ende setzte, sie zum Absterben brachte und möglicherweise tabuisierte, kann neben denkbaren kultisch-religiösen durchaus handfeste politische Motive gehabt haben, die Durchsetzung des Feudalsystems, die adelige Grundherrschaft die allmähliche Rechtsminderung des Bauernstandes. Legen wir einmal die geäußerte Annahme zugrunde, so spricht einiges dafür, daß dieses dort stattgefunden hat, wo heute noch der Name haftet, am Fuße des Berges, wo ja auch mehr Platz war für eine Versammlung als oben auf der Kuppe, daß also der Ort Mahlberg immer so geheißen hat, wie er heute noch heißt.

Was ist aber nun mit dem unübersehbaren Michelsberg?

Auch hier hilft eine etymologische Untersuchung weiter. Das althochdeutsche, mittelhochdeutsche Wort “mihil, mihel, michel” heißt “groß”, “hoch” und ist in dieser Bedeutung vielfach überliefert. Es kam erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts außer Gebrauch In manchen Orts-, Berg-, Flussnamen hat es sich erhalten, in einem Ländernamen: Mecklenburg. Bisweilen wurde in solchen Namen “michel” durch “groß” ersetzt; Michel-Perchhoven zu Groß-Berghofen (bei Dachau/Oberbayern).

Aber es hat vielerorts auch das stattgefunden, was Adolf Bach, der große Bonner Namenskundler, “mythenbildende Volksetymologie” nennt. Was damit gemeint ist, sei an einem trefflichen Beispiel ganz aus der Nähe erläutert, das Frau Weidemeier zur Bekräftigung der hier vertretenen These beisteuert: Ein Berg bei Bonn, wohlbekannt wegen der Universitätskliniken, lag in sumpfigem Gelände und hieß deshalb der Venn- oder Vehnberg, woraus der Volksmund den Venusberg machte. Nachdem so nebenbei auch der weibliche Anteil an der Volksetymologie unanfechtbar dargelegt ist, kehren wir zu unserem Michelsberg zurück. Der hieß immer so, in fränkischer, vielleicht schon in vorrömischer Zeit: der michel Berg, der große Berg. Guddorf würde sagen, der Erzengel Michael habe das sauber vorausgeplant und dafür gesorgt, daß er über die Lautverwandtschaft hebr. Michael ahd. mihil, über den Volksmund über das Volk zu seinem Berg, zu seiner Kapelle und zu seinem Gymnasium käme. Und da ist was dran.

Man kann Dr. Creutz insofern Recht geben, als der “michel Berg”, der Ort, zu dessen Füßen das Thing stattfand, quasi als Berufsbezeichnung auch den Namen Mahlberg geführt hat, also als Michelsberg in seiner Funktion ein Malberg war. Beide Namen scheinen wichtig gewesen zu sein für seine weitere Geschichte im christlichen Mittelalter.

Nun wird es Zeit zu referieren, auf welche Weise Dr. Creutz die Anfänge der Michaelsverehrung um das Jahr 1300 nachgewiesen hat. Bis dato hatte man mit Jakob Katzvey und diesen getreulich abschreibend den Anfang auf das Jahr 1500 gelegt. Dr. Creutz findet in einem sonst nicht ergiebigen Buch eine Literaturangabe. Angeführt wird ein Büchlein aus dem Jahre 1722: “Schutz und Schirm des Heiligen Ertz-Engels Michaelis. Zu suchen und zu finden in der von viel hundert Jahren bewehrter Sodalitäts-Andacht auff St. Michaels-Berg bey der Stadt Münster in der Eiffel, unter Direction der P.P. Societatis Jesu, cum Permissu Superiorum”. Er sucht die Schrift im Pfarrarchiv, sie muß daraus schon verschwunden gewesen sein, als die Literaturangabe gemacht wurde. Aber Dr. Creutz sucht weiter und findet nicht die Auflage von 1732, aber einen Nachdruck von 1761 und zwei Exemplare einer dritten Auflage von 1780. Der Inhalt dieser Schrift, von der also im Jahre 1928 noch drei ganze Exemplare existierten, ist für unser Thema brisant. Dort steht: “In dieser (wie gleich gemeltet) über die 400 Jahr gestandener Bruderschaft haben sich beym Anfang 1400 einschreiben lassen nahmentlich die Edele Herren und Frawen von Ahr, von Metternich, von Hillesheim und Myrbach denen von Jahr zu Jahr ohne Unterlaß unzahlbare andere nachgefolget”.

Jetzt macht sich Dr. Creutz daran, in mühsamer Archivarbeit im einzelnen zu untersuchen, “ob für die genannten vier adeligen Familien sichere urkundliche Beziehungen zu Münstereifel um das Jahr 1400 nachweisbar sind”. Gelingt es, so ergibt sich von selbst ein günstiger Schluß auf die Richtigkeit und Glaubwürdigkeit der ganzen Nachricht.

Es gelingt! Um 1400 sind Angehörige aller vier Familien in und um Münstereifel ansässig und in landesherrlich-amtlichen Funktionen tätig. Dr. Creutz findet aber alle vier Namen noch einmal. Bei den Münstereifeler Jesuitenakten im Staatsarchiv Düsseldorf entdeckt er ein schmales Bruderschaftsbüchlein in Pergament, das die Namen von 300 verstorbenen Mitgliedern der Michaels-Bruderschaft enthält. Der Handschrift nach stammt es aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Dr. Creutz ist wegen des Vorsatzes vor jedem Namen: item vur (ebenso für) der Meinung, es handele sich um die Abschrift einer noch älteren Handschrift. Dem kann ich mich nicht anschließen, denn der Vorspann bedeutet einfach, daß das Totenamt für die der Reihe nach aufgezeichneten Mitglieder zu lesen sei. Das stimmt auch damit überein, daß die Liste von genau den Adelspersonen angeführt wird, die sich Anfang 1400, also kurze Zeit vor der Datierung der Liste, haben einschreiben lassen. Wie dem auch sei, Dr. Creutz ist ein königlicher Fund gelungen. Die Angaben des Büchleins sind zuverlässig: seit 400 Jahren, also, von 1732 zurückgerechnet, seit dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts, ca. 1330 besteht eine Michaelsbruderschaft, seit 1400 gehören ihr auch Adelsgeschlechter an, die “Spitzen der Behörden”.

In seiner Entdeckerfreude wohl behandelt Dr. Creutz einen wichtigen Umstand nicht. In Frageform gekleidet, könnte er etwa so bezeichnet werden: Warum treten erst 70 bis 75 Jahre nach der Gründung diese “Spitzen der Behörden” der Bruderschaft bei? Könnte es sein, daß diese Bruderschaft drei Generationen gebraucht hat, um Anerkennung und Ansehen zu erreichen? Warum so lange? Wer hat denn diese Bruderschaft gegründet? Gingen schon der Gründung der Bruderschaft Züge zum Michelsberg vorauf? Wer hat sich dort versammelt? Man sieht, die Fragen laufen auf eine These hinaus, die etwa so lauten müsste: Die Wallfahrten zum Michelsberg, die Versammlungen dort, sind aus einer “wilden Wurzel” im Volk nachgewachsen und haben erst allmählich ihre obrigkeitliche Sanktionierung erhalten. Wenn das hier mit aller gebotenen Vorsicht behauptet wird, dann schließt sich die entscheidende Frage nach dem Motiv an. Ab wann können wir den Namen zusammenschreiben und das Genitiv-s einfügen, wann wird aus dem “michel Berg” der Michelsberg? Anders gefragt: Ist die mythenbildende Volksetymologie nun da das Adjektiv allmählich außer Gebrauch kam allein der Anlaß gewesen, daß der Berg zum Wallfahrtsort wurde, zog allein der Name St. Michael die Leute dahin? Oder diente der Name des Erzengels dazu, eine nie ganz verlorengegangene Volkstradition aus vorchristlicher oder auch aus vorfeudaler Zeit zu christiansieren und zu kanalisieren? Fest steht nur, daß es nicht die von Dr. Creutz ausgegrabenen Herren gewesen sind, die mit der Wallfahrt angefangen haben. Sie kam aus dem Volk, und was auch immer später aus ihr wurde, sie blieb Volkssache bis heute.

Wenn man die Sache einmal in dieser Beleuchtung zu sehen beginnt, so geben einem auch die im folgenden von Dr. Creutz berichteten Fakten zur Geschichte des Michelsberges manches zu denken.

Dr. Creutz zitiert die Chronik des Euskricheners Tilman Pluntsch, eines Kanonikus, also Stiftsgeistlichen zu Münstereifel, der knapp und sachlich glaubwürdig über allerlei nahe und ferne Ereignisse der Zeit von 1270 bis 1448 berichtet, so auch von Wallfahrten der Münstereifeler (anlässlich einer Hochwasserkatastrophe) 1402 nach Weingarten zum Heiligen Kreuz und nach Kloster Schweinheim zu den Reliquien der “Unschuldigen Kinder”. Kein Wort zu Michelsberg und Michelsbruderschaft, der zwei Jahre vorher gerade die Edelleute beigetreten waren. Kann man daraus Rückschlüsse ziehen auf die Haltung dieses Klerikers?

Dr. Creutz schreibt ferner: “Als das 15. Jahrhundert zu Ende ging, muß die erste Kapelle auf dem Michaelsberge entweder räumlich nicht mehr genügt haben, oder hatte in ihrer exponierten Lage schon so gelitten, daß sie ersetzt werden mußte. Um diese Zeit hat das Haus Manderscheid-Blankenheim-Gerolstein die zweite Kapelle erbaut, von der heute noch so viele Teile erhalten sind, daß aus ihrer Architektur auf die Entstehungszeit kurz nach dem Jahre 1500 geschlossen werden konnte.”

Wieso zweite Kapelle? Nirgends wird eine erste Kapelle erwähnt. Es ist sicherlich unwahrscheinlich, daß ca. 170 Jahre nach Beginn der Wallfahrten, 100 Jahre nach dem Beitritt der Standesherren, keine erste Kapelle auf dem Michelsberg existiert haben soll. Es gibt das Bruderschaftsbüchlein aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts mit den Namen der verstorbenen Mitglieder. Aber Seelenmessen kann, man auch in der Stiftskirche lesen. Vielleicht geben wir uns doch einmal für einen Augenblick der schönen Vorstellung hin, die ersten Pilger zum Michelsberg oder gar die ersten Generationen der Pilger hätten sich dort oben unter freiem Himmel versammelt, um den Erzengel anzurufen. Erinnert sei noch einmal an die sonderbare Teilung des gräflich-manderscheidschen Besitzes im Jahre 1548 bei der der Michelsberg eine besondere Rolle zu spielen scheint, ohne beim Namen genannt zu werden. Genau 100 Jahre später, im Jahre 1648, als der Dreißigjährige Krieg in Deutschland zu Ende geht, ist der Michelsberg schon 16 Jahre im Besitz der Münstereifeler Jesuiten und gibt es das St. Michael-Gymnasium schon seit 23 Jahren. Ehe die Jesuiten Kolleg und Gymnasium in Münstereifel gründeten, hatten sie schon den Namen St. Michael dafür bereit. Er steht auf einer Flugschrift aus dem Jahre 1625, welche die Gründung ankündigt. Schon bevor sie sich niederließen, brachten die Jesuiten also die Leute von nah und fern dazu, die Niederlassung mit dem Michelsberg in Gedanken zu verbinden, dem allbekannten, allvertrauten, Vertrauen schaffenden, Hilfe bringenden “Mal” dem geographischen und psychischen Orientierungspunkt der Gegend. In der Prozession des Jahres 1626 schritt der Gründer, Pater Henricus Rincop mit seinen ersten Schülern in der Stadtprozession zum Berg. Das setzte sich fort ungefähr bis in unsere Tage. Aber damit begänne ein neues Kapitel, das der Schulgründung, Schulgeschichte und der Beziehungen unseres Gymnasiums zum Michelsberg. Sie sind so eng und vielfältig, daß es nicht nur für diesen Bericht darüber, sondern ebenso für die von uns zu machende Geschichtsepoche heißen sollte: Fortsetzung folgt.

Von Heinz Küpper aus St. Michael-Gymnasium - 1625 - 2000

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