Geschichte des Michelsbergs und seiner Kapelle
Südöstlich von Münstereifel, östlich von Schönau und Mahlberg liegt auf der Kuppe des 588 m hohen Michaelsberges inmitten der schönen Eifellandschaft die alte, bis zum heutigen Tage viel besuchte Wallfahrtskirche, die dem Berg seinen Namen gegeben hat. Vorher hieß er, wie heute noch das benachbarte Dorf “Mahal” oder “Mahlberg”, d. h. aus dem Altdeutschen übertragen: “Berg des Gerichtes” (oder der Opferstätte). Mit einiger Wahrscheinlichkeit dürfen wir aus dieser Bezeichnung schließen, daß der Berg in germanischer Zeit einem heidnischen Kult gedient hat. Eine christliche Kapelle und eine Bruderschaft Sti. Michaelis freilich finden wir erst im 14. Jahrhundert bezeugt, obschon Mahlberg 893 bereits zu den Besitzungen der Abtei Prüm, die Abt Regino aufzeichnen ließ, gehörte.
In einem kleinen Buch, das die Jesuiten der Eiflischen Mission 1732 unter dem Titel: “Schutz und Schirm des Heiligen Ertz-Engels Michaelis. Zu suchen und zu finden in der von viel hundert Jahren bewehrter Sodalitäts-Andacht auff St. Michaels-Berg bey der Stadt Münster in der Eiffel” veröffentlichten, finden wir eine Menge interessanter historischer Hinweise, die in die Anfänge der Michaelskapelle zurückführen und auch Auskunft über die rheinischen Adelsfamilien geben, die mit der Gründung und Pflege des Michaelsberges verbunden waren (die von Mirbach, von Ahr, von Metternich und von Hillesheim). Das genaue Gründungsjahr allerdings wird nirgendwo genannt; nur soviel darf als sicher gelten: Kurz nach 1500, am Eingang der Neuzeit also, erbaute die adlige Familie von Manderscheid-Blankenheim-Gerolstein eine stattliche Kapelle auf dem Berg, die an die Stelle einer älteren, bescheideneren Anlage unbekannten Alters trat und in wesentlichen Teilen, vor allem mit dem Chor, bis heute erhalten geblieben ist.
Um die gleiche Zeit muß auch der Aufstieg des Michaelsberges zur viel besuchten Wallfahrtsstätte begonnen haben; freilich setzte die eigentliche Blüte erst zwischen 1632 und 1773 ein, als, unter dem Einfluß und der besonderen Betreuung des in Münstereifel neu beheimateten Jesuitenordens, die Kapelle durch den Grafen Karl von Manderscheid in die Obhut des Münstereifeler Kollegiums gegeben war. Damals nahm die Wallfahrt zum hl. Michael binnen kurzer Zeit so stark zu, dass beispielsweise im Jahre 1680 acht Priester den Andrang der Wallfahrer zur Beichte kaum bewältigen konnten (wie die Chronik vermeldet). Sehr bald entstand dann auch ein eigenes Priesterhaus neben der Kapelle, auf der Südseite des Turmes (1699), und zu Anfang des 18. Jahrhunderts wird uns berichtet, dass die Michaelsbruderschaft binnen drei Jahren (1705-1708) um nicht weniger als 4000 Mitglieder gewachsen sei. Die Bemühungen der Münstereifeler Jesuiten um das Heiligtum des Mons Sti. Michaelis scheint in diesen Jahrzehnten großartige Frucht getragen zu haben und erst mit der zeitweiligen Aufhebung dieses Ordens 1773 abgebrochen zu sein.
Dabei erfuhr die Kapelle neben der Betreuung des Michaelsberges durch die Societas Jesu namentlich im 17. Jahrhundert auch eine besondere Förderung durch den Münstereifeler Amtmann Johann Friedrich Freiherrn von Goltstein (ca. 1615-1687), wie überhaupt der obrigkeitliche Schutz sich sehr vorteilhaft für das Heiligtum ausgewirkt zu haben scheint. Die eigentlichen Träger der Wallfahrt und der Pflege der Kapelle blieben aber zweifellos die zahllosen in die Eifelberge kommenden Gläubigen, deren Strom damals ganz bedeutend gewesen sein muss. Auch ein Eremit ist zu Anfang des 18. Jahrhunderts zeitweilig auf dem Michaelsberg nachweisbar: der Kapuziner-Bruder Franziskus Josephus Nobelohrt, der in den Jahren 1712-1714 bei der Kapelle lebte.
Dennoch war früher die Betreuung der Wallfahrtskirche von Münstereifel aus offenbar unbedingtes Erfordernis; denn nach der Aufhebung des Jesuitenordens ist die kleine Kirche schon bald so wenig gepflegt gewesen, dass ein erheblicher Verfall eintrat. Wohl wurde in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts der Pater Hermann Schönenbusch S. J. zum Missionar auf dem Berge ernannt und mit der Seelsorge betraut; aber da nach der Konfiszierung des Grundbesitzes die Mittel zur baulichen Instandsetzung der Kapelle fehlten, drohte das Gotteshaus unterzugehen. Ganz kritisch wurde die Lage, als 1836 das Bauwerk durch Blitzschlag getroffen wurde und weitgehend ausbrannte. Trotzdem gelang es unter größten finanziellen Schwierigkeiten in den Jahren 1856-1857, die Wiederherstellung in die Wege zu leiten: aus dem von der Gemeinde Schönau bereitgestellten Stiftungsvermögen, ferner aus Spenden der Dekanate Münstereifel, Rheinbach, Euskirchen, Steinfeld und Blankenheim wurde der Wiederaufbau des im Bewusstsein des Volkes nie vergessenen Wallfahrts-Gotteshauses durchgeführt. Im September 1860 war ein Neubau vollendet, am 1. Oktober fand die feierliche Weihe der Kapelle statt. Man hatte bei dem Wiederaufbau wesentliche Teile des älteren Gotteshauses miteinbeziehen können und im wesentlichen nur das Langhaus ganz neu errichtet. Seit diesem Weihetage des Jahres 1860 haben Pfarrer und Pfarrgemeinde von Schönau und Mahlberg die Betreuung des traditionsreichen Michaelsberges nicht mehr vernachlässigt; und auch in den letzten Jahren, d. h. nach dem 2. Weltkrieg, ist eine durch die Initiative von Pfarrer Weißenfeld (Schönau) veranlaßte, sorgfältige Renovierung durchgeführt worden, bei der nicht nur der alte Bestand der Kapelle gesichert, sondern auch das Inventar um bedeutende Stücke (Barockaltäre, Bilder, Plastiken), die der Wallfahrtsstätte hohe Ehre machen, bereichert worden.
Damit aber stehen wir vor dem Bild, das die Michaelskapelle heute bietet. Der kleine gotische Chor, an dessen Wänden vor einigen Jahren Wandmalereien aus der Erbauungszeit freigelegt werden konnten, umschließt und überwölbt mit seinen Kreuzrippengewölben den Michaelsaltar der Barockzeit, in dessen Mittelnische der Erzengel als Streiter und Sieger über den Drachen erscheint. Das Langhaus, seit 1857 erneuert, ist heute von einer erst vor kurzem vollendeten Putzdecke mit bescheidener Stuckdekoration überspannt; es enthält als besondere Kostbarkeiten zwei unlängst neu erworbene barocke Seitenaltäre, einen prächtigen Beichtstuhl und einige Gemälde - Ausstattungsstücke, die insgesamt nach einer schönen Restaurierung durch Kirchenmaler Gangolf Minn (Brühl) dem an sich sehr einfachen, übersichtlichen Raum einen reicher ausgeschmückten Charakter verleihen. Sicher wird die Zukunft diese neu hinzugekommenen Stiftungen der Pfarre Schönau und ihres kunstsinnigen Pfarrherrn zu rühmen wissen! Schließlich der mächtige Westturm, der vor einigen Jahrzehnten zum Aussichtsturm eingerichtet wurde, und der weithin sichtbar das Landschaftsbild seinerseits beherrscht: Er ist innen und außen gleichfalls instandgesetzt und würdig hergerichtet – gern steigt heute der Wallfahrer und Eifelwanderer auf die obere Galerie, um von dort über den Michaelsberg hinaus die Eifelberge mit der Hohen Acht und der Nürburg, die Kölner Ebene mit den Domtürmen und das weite Voreifelland nach Münstereifel oder Rheinbach hin zu überschauen. Gerade bei diesem herrlich die Ferne erschließenden Blick offenbart sich auch das Sinnvolle der Gründung zu Ehren des hl. Michael: am weithin höchsten Punkte des Landes wird zum Kämpfer für das Licht, zum Kämpfer mit dem Streitruf: “Quis ut Deus”, “Wer ist wie Gott”, gewallfahrtet.
Der Michaelsberg, zu dessen Kapelle gerade in jüngster Vergangenheit aufs Neue Wallfahrer aus allen Teilen nicht nur des Rheinlandes herbeiströmen, ist das eigentliche Wahrzeichen der nördlichen Eifel. Über den Baumkronen des Waldes, der den Berg ringsum mit seinem Grün bedeckt, sieht der Wanderer die Turmspitze aufragen. Weithin leuchtet seit der unlängst vorgenommenen Wiederherstellung auch das Weiß des verputzten Bruchsteinmauerwerkes aus Eifel-Grauwacke-Gestein durch das Dämmerlicht des Waldes. Wer die Spitze des Berges erreicht hat, steht vor dem liebevoll und andächtig von Menschenhänden errichteten und gepflegten Kirchenbau, sieht die seitwärts angelegte Außenkapelle mit dem Heiligen Grab und seinen prächtigen spätgotischen Figuren, steht dann im Inneren vor dem Bild des Erzengels und auch vor dem Grabstein des um den Michelsberg so verdienten Münstereifeler Amtmannes J. F. von Goltstein. Was hier zur Ehre des Heiligen und “ad maiorem Dei gloriam”, zur größeren Ehre Gottes, geschaffen ist, bildet einen Bezirk andächtiger Stille und, inmitten herrlicher Natur, eine Stätte echter Wallfahrt. Nicht nur die Bauern und Bürger von Schönau und Mahlberg, allen voran der keine Mühe im Dienst an der Kapelle scheuende Betreuer des Gotteshauses, Herr Manheller, betrachten heute in ehrlicher Verbundenheit die Kirche auf dem Michelsherg als ihr dem Patron St. Michael geweihtes Heiligtum - auch im weiteren Lande ist das Wissen um den tieferen Sinn dieses Wallfahrtsortes, ist das Verständnis für seine Schönheit und seine enge Beziehung zur Eifelheimat gewachsen und in das Bewußtsein der rheinischen Menschen eingedrungen.