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“Antonius, geh' den Stimmen der Vögel nach”

Wenn man durchs Schleidtal bergan fährt und hinterm Bollscheider Kopf abbiegt in Richtung Effelsberg, sieht man nach knapp zwei Kilometern rechterhand ein Heiligenhäuschen mitten im Walde, in dem vor einer Statue fast ununterbrochen Kerzen brennen. Die Heiligenfigur heißt im Volksmund 'Decke Tönnes'. Dazu erzählt Armin Renker folgende Legende:

Das Kloster Steinfeld war unter die Oberhoheit des Erzbischofs von Trier gekommen zu der Zeit, als gerade der strenge Bernardus dieses Amt angetreten hatte. Der klopfte eines Tages in schlichter Kutte an die Steinfelder Pforte und wurde als landfahrender Bruder freundlich aufgenommen. So lernte er unerkannt das Leben und Treiben im Kloster kennen. Er fand bald manches, was seinen eifernden Zorn herausforderte. Besonders ein rundliches Mönchlein namens Antonius erregte seinen Argwohn, weil er es häufig bei den Andachten vermisste. Statt dessen fand er ihn im Garten den Nachtigallen lauschend. Und als er darauf die Zelle des Andachtssäumigen aufsuchte, fand er sie überreich mit Blumen geschmückt und an ihren Wänden Käfige mit den verschiedensten Vögeln.

Antonius hatte in der Tat ein innigeres Verhältnis zu Tieren und Blumen als zu seinem lateinischen Brevier. Dem glaubensstrengen Erzbischof aber erschien das als ein Rückfall in heidnische Naturverehrung. Er beschloß, dem Kloster ein warnendes Beispiel zu geben. Am nächsten Morgen erschien er in vollem Ornat mit den Insignien seiner Würde und Macht zur Messe. Danach berief er sogleich all die verdatterten Mönche in den Kapitelsaal. Vor aller Ohren bezichtigte er den Bruder Antonius teuflischer Verworfenheit und verwies ihn des Klosters. Alle Vögel schwiegen, als der ausgestoßene Mönch durch die Pforte fürbass schritt, und die Blumen ließen ihre Köpfchen hängen. In der Abenddämmerung gelangte Antonius in seine Heimatstadt Münstereifel. Er stahl sich in die Stiftskirche. Vor dem Bilde der Gottesmutter versank er in wortloses Gebet. Stunden lag er so. Da schien eine Stimme 10.06.2005nung gab: “Wenn der Tag anbricht, geh den Stimmen der Vögel nach, und du wirst ein neues Zuhause finden und ein neues Tun!” Am Morgen bekam der Mönch vom Küster einige Wegzehrung. Als er aber aufbrechen wollte, erinnerte jemand von den Kirchgängern sich seiner und seines Namens und sprach ihn an. Gleich darauf drängte eine Schar Kinder herzu, umtanzte ihn und sang schier unaufhörlich: “Tönnes, dicker Tönnes”. Sie taten das aber nicht im Spott, sondern wie um zu zeigen, dass sie ihn gern mochten. Auch fingen Vögel an, über ihm zu kreisen, Lerchen lockten mit hellem Jubelruf.

Da fiel dem Antonius das Marienwort ein aus der nächtlichen Kirche. Er ging den lockenden, kreisenden Vögeln nach, weit bergan, bis sie sich setzten und nicht mehr aufflogen. An dieser Stelle baute der Mönch eine Laubhütte. Er lebte fortan als Einsiedler, und die Tiere des Waldes gingen bei ihm aus und ein. Alsdann fanden ihn die Münstereifeler Kinder beim Beerensuchen. Sie versorgten ihn nun regelmäßig mit Eßbarem. Im Herbst baute Antonius sich eine Steinhütte mit Kamin, und weil er bei Nacht und Nebel oft ein Glöckchen läutete, wurde er bald zur Zuflucht für Reisende und Fuhrleute, die ihres Weges zogen zwischen Ahr und Erft.

Nahezu ein halbes Jahrhundert lebte der 'dicke Tönnes' noch da oben am Knippberg, bis man ihn eines Morgens vor seiner Hütte im Schnee liegen fand, die gebrochenen Augen zum Himmel gerichtet.

Armin Renker, Zerkall: Vom 'Dicken Tönnes'. Ein Heiligenlegendchen. In: Heimatkalender Kreis Euskirchen 1954, Seite 35-43. Kürzung: Theo Rahn. In: Die Giesskanne, März 1970

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